Die Uni und die Krise

Ein Blogbeitrag von Xenia Jehli

An diesem Dienstag findet die Veranstaltungsreihe zu Topographien von Flucht und Widerstand ihren Abschluss in einer Podiumsdiskussion. Nach drei Monaten der Auseinandersetzung mit den Fluchtbewegungen seit den Umbrüchen im Nahen Osten und ihren transnationalen Folgen, lenken die Organisatorinnen den Blick zurück auf die Universität Basel. Teilnehmende sind Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Migration, Nele Hackländer, Leiterin der Students Services, Jakob Merane, Mitinitiant des Offenen Hörsaals, Vedat Ates, Soziologiestudent aus Kurdistan, sowie Rebecca Hofmann, Koordinatorin für Flüchtlingsfragen an der PH Freiburg i. Br. Elisio Macamo, als Vorsteher des Departaments für Gesellschaftswissenschaften, leitet die Diskussion.

4Macamo eröffnet den Abend mit einer kleinen Geschichte von Daniel Huber (Artikel in Watson) über die grosse Auswanderung von Schweizern ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wirtschaftliche Nöte trieben Zehntausende Schweizer in weniger als einem Jahrzehnt dazu, nach Übersee auszuwandern. Indem Macamo die Nennung des Ortes unterschlägt, versucht er die Diskussion weg vom Herkunftsland, hin zur menschlichen Ebene und der Auseinandersetzung mit der Erfahrung von und Reaktion auf Migration zu heben. Wie gehen wir mit Migranten und Migrantinnen um, die zu uns gelangen? Und macht es Sinn, zwischen Migration und Flucht zu unterscheiden?

Zur Sinnhaftigkeit der Unterscheidung kann sich Walter Leimgruber gleich äussern. Zunächst stellt er aber klar, mit welchen Kategorien aktuell gearbeitet wird: Migration wird als dauerhafte Umsiedlung definiert, welche über Landesgrenzen hinweg stattfindet. Auf die Probleme, welche dadurch für IDPs (Internally Displaced People) auftreten, verweist er nur kurz. Flucht tritt dabei als eine von drei Untergruppen auf: Unterschieden wird zwischen Flüchtlingsmigration, welche sich am Schutzgedanken orientiert und durch das Asylgesetz geregelt wird; Arbeitsmigration, die sich am Nutzgedanken orientiert und durch den Arbeitsmarkt reguliert wird; sowie die sogenannte Lifestylemigration, für welche die Grenzen offen sind.

Wird diese gesetzliche Kategorisierung mit der Realität konfrontiert, zeigt sich, wie wenig fruchtbar sie ist. Zunächst sind die Grenzen zwischen den drei Bereichen nicht klar zu ziehen, zum anderen entspringt jede Fluchtbewegung zumeist einem Bündel an Faktoren, so dass die Einteilungen in Gruppen meist wenig mit den Lebenssituationen der einzelnen zu tun haben. Eine Neudefinition der Kategorien würde Gesetz und Realität einander annähern und zugleich eine neue Auseinandersetzung mit den eigenen Werten ermöglichen. Wie Herr Daher in der Sitzung vom 19.April betont Leimgruber, wie die Schweiz sich selbst schadet, indem sie sich in erster Linie darauf fokussiert, das Überleben von Migranten zu sichern, anstatt ein sinnvolles Leben zu ermöglichen und zu fördern. Diese Prioritäten nochmals zu überdenken, würde langfristig allen Seiten zugutekommen.

Die Schwierigkeit, mit den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen konstruktiv und langfristig zu arbeiten, zeigt sich auch im Gespräch zwischen Jakob Merane und Nele Hackländer. Der Offene Hörsaal zeugt als Studenteninitiative, die aus der Arbeit der Amnesty Gruppe gewachsen ist, von grosser Eigeninitiative, nachhaltigem Denken und Verantwortungsbewusstsein und fungiert nach eigenen Angaben als erster Anknüpfungspunkt für Geflüchtete in der Region und als Möglichkeit zur Integration auf einer neuen Ebene. Durch das Gasthörerprogramm für Migranten und Migrantinnen mit akademischem Hintergrund werden vorhandene Potentiale genutzt und gefördert. Trotz breiter Unterstützung für das Projekt auf verschiedenen – auch universitären – Ebenen, zeigen sich gewisse Widerstände auf Rektoratsebene.

Frau Hackländer stellt klar, dass das Projekt zwar begrüsst werde, allerdings keine Ressourcen und auch keine Gelder zur Verfügung ständen. Die Projektkosten von CHF 5000 wurden in diesem Semester allein durch den Gewinn des Boost Preises für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Basel finanziert. Des weiteren betont Hackländer, dass der Zulassungsprozess zur Universität ein hochselektiver Prozess ist, welcher unter keinen Umständen tangiert werden dürfe. Die Äquivalenz zu einer eidgenössischen Matura sei zwingend geboten und die entsprechenden Dokumente müssten vorhanden sein, dann interessiere der Aufenthaltsstatus nicht. Eine Sonderbehandlung von Flüchtlingen werde im Namen der Gleichberechtigung abgelehnt und das vorhandene Raster sei hier Garant für Gerechtigkeit.

2Wie Gerechtigkeit verstanden werden kann und soll, hinterfragt Vedat Ates, wenn er sein Ankommen als kurdischer Flüchtling in der Schweiz mit dem Aussetzen eines Fisches an Land vergleicht: Seine Kindheit in Kurdistan sei ihm gestohlen worden, sein Traum, zu studieren, ebenfalls, stattdessen verbrachte er als kurdischer Alevit mehrere Jahre in türkischen Gefängnissen, bevor er freigelassen wurde und dann in Basel ins Otterbach Empfangszentrum kam. Schon allein sprachlich zeigt sich eine Benachteiligung, über die nicht hinweg gesehen werden könne. Diese spezifische Lebenssituation verlange eine spezifische Förderung, damit Lösungen gefunden und weitergegangen werden könne.

Wie Förderungskultur in der Schweiz verstanden wird, veranschaulicht Walter Leimgruber an folgendem Beispiel: In wohlhabenderen Gebieten der Schweiz ist die Maturitätsquote vier Mal höher als in anderen Gebieten der Schweiz. Das legt nahe, dass Reiche durchschnittlich vier Mal klüger sind, was empirisch noch zu beweisen ist. Viel eher zeigt es auf, dass andere Mechanismen am Werk sind, welche nur vermeintlich eine Gleichstellung bewirken, in der Tat allerdings anstatt bei strukturellen Schwächen und Defiziten zu fördern, soziale Ungleichheit weiter verstärken.

Wie also mit den Hürden umgegangen wird, welche Menschen noch vor etwaigen Zulassungsbedingungen gestellt werden, bleibt eine Frage, aus deren Verantwortung sich die Uni als intellektuelle Elite des Landes nicht entziehen kann. Die gesetzlichen Spielräume sind laut Hofmann noch nicht ausgereizt und die Vorreiterrolle der Universität, die Rahmenbedingungen, in denen wir uns bewegen, zu verändern und mitzugestalten, noch nicht erfüllt. Die „Europäische Flüchtlingskrise“ kann anhand der Anzahl an Flüchtlingen in Europa, wie Kamel Doraï mit der Situation im Nahen Osten aufzeigte, kaum als solche bezeichnet werden. Joseph Daher bezeichnet sie als „Crisis of Policies“, Elisio Macamo als „Moralische Krise“. Die heutige Diskussion zeigte nochmals in aller Deutlichkeit, dass es eine Auseinandersetzung ist, die hier und jetzt, im Rahmen der – universitären – Räume, in denen wir uns tagtäglich bewegen und in der Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Werten auszutragen ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert