Ein Blogbeitrag von Olga Thiel und Nyima Tsamdha
Am Tag vor der Abschlussveranstaltung der Ringvorlesung „Topographien von Flucht und Widerstand“ wurde bekannt, dass das deutsche Bildungsministerium 100 Millionen Euro bereitstellen will, um Geflüchteten den Weg an die Universitäten zu erleichtern. Und die Schweiz? Was wird in unserem Land unternommen, um studierfähigen Geflüchteten eine Ausbildung zu ermöglichen und somit eine Perspektive zu bieten?
Diesen Gedanken wurde im Rahmen der Abschlussdiskussion vom 31. Mai 2016 nachgegangen. Konkret stand die Frage im Mittelpunkt, welchen Platz Geflüchtete an der Universität Basel haben.
Die Gruppe des studentischen Projektes „Offener Hörsaal“ – an der Veranstaltung vertreten durch Jakob Merane – beschäftigt sich seit bald einem Jahr mit den Zugangsmöglichkeiten von Geflüchteten an die Uni Basel. Im vergangenen Semester wurde das Pilotprojekt gestartet und 21 Geflüchtete bekamen die Möglichkeit, als Gasthörer an der Uni Basel zwei Veranstaltungen pro Woche zu besuchen. Von allen Teilnehmenden haben 18 das Semester beendet und zwei Personen haben sich für ein reguläres Studium ab dem Herbstsemester 2016 beworben.
Die studentische Initiative, welche von vielen Seiten (Studierenden, Fachgruppen, Dozierenden) befürwortet wird, bedauert, dass sich die Universität Basel bisher nicht für eine finanzielle Unterstützung des Projektes ausgesprochen hat. Der finanzielle Aufwand von „Offener Hörsaal“ beträgt momentan insgesamt 5000.- Schweizer Franken pro Semester. Ein Betrag, der – insbesondere im Verhältnis zum Jahresbudget der Uni von 745 Millionen – sehr gering ausfällt. Die Kosten der einsemestrigen Pilotphase des Projektes wurden durch die Nachhaltigkeitsstelle der Uni gedeckt. Das kommende Semester kann dank Stiftungsbeiträgen finanziert werden. Die langfristige Weiterführung des Projektes ist jedoch noch ungesichert.
„Offener Hörsaal“ setzt sich für einen vereinfachten Zugang von geflüchteten Menschen an die Universität ein. Die Hürden für die Fortsetzung des Studiums nach der Flucht sind sehr hoch. Privatisierte Vorbereitungskurse sind sehr teuer, fehlende Dokumente und erschwerte Zugänge zu Deutschkursen verkomplizieren das Aufnahmeverfahren.
Das Prinzip der Gleichbehandlung wird von der Zulassungsstelle der Uni grossgeschrieben. Alle Bewerber*innen müssen gleich behandelt werden, so schreibt es das Gesetz vor. Die Praxis hingegen sieht anders aus. Aufgrund von mangelnden Deutschkenntnissen oder fehlenden Stipendien haben viele Geflüchtete von Beginn weg schlechtere Chancen, überhaupt ein Studium aufnehmen zu können. In der Schweiz können nur anerkannte Flüchtlinge ein Studienstipendium beziehen, in einigen Kantonen sogar erst nach einem fünfjährigen Aufenthalt. Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene haben kein Recht auf ein Stipendium.
Die politisch aktuellen Forderungen nach schneller Arbeitsintegration von Geflüchteten zeugen von sehr kurzfristigem Denken. Die heutigen Gesetze sind auf Personen ausgerichtet, die das Land wieder verlassen sollen. Das Potenzial vieler Menschen mit guter Vorbildung wird nicht genutzt. Geflüchtete werden als billige Arbeitskräfte eingesetzt, während ein Mangel an Fachkräften besteht.
Um die Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern, ihnen Weiterbildungsmöglichkeiten oder ein Studium zu ermöglichen, sind gute Strukturen nötig. Stipendienprogramme und Integrationsmassnahmen, die unabhängig vom Aufenthaltsstatus zugänglich sind, würden die Berufs- und Bildungschancen von Geflüchteten verbessern. Es handelt sich hierbei nicht um eine „Sonderbehandlung“ von Flüchtlingen, sondern um den Versuch, Gleichberechtigung herzustellen, indem dort gefördert wird, wo es an Strukturen und Unterstützung fehlt.
Die bisher ausgebliebene Bereitschaft der Uni, das Projekt „Offener Hörsaal“ mitzutragen, lässt sich wohl weniger auf finanzielle Überlegungen, sondern vielmehr auf politische zurückführen. Es geht nicht darum, die Zulassungsrichtlinien der Uni für alle zu senken, sondern die Geflüchteten so zu fördern, dass sie die Zulassungsbedingungen der Uni erfüllen können. Die Universität könnte einen wichtigen Beitrag für bessere Zulassungschancen leisten, indem sie Deutsch- und Vorbereitungskurse für Studienbewerber*innen anbieten und sich auf politischer Ebene für eine Stipendienzulassung – unabhängig vom Status der Flüchtlinge – einsetzten würde. Die Unterstützung des Projektes „Offener Hörsaal“ wäre ein erster Schritt in diese Richtung.
Universitäten und Hochschulen gehören zu den Akteuren mit den besten Mitteln und Voraussetzungen, um den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Integration durch Bildung schafft Perspektiven – für die Geflüchteten selbst und für die Schweiz. Die Universität Basel hat eine bedeutende humanitäre Tradition und eine Rolle als Vordenkerin zu erfüllen. Wo, wenn nicht an der Universität, können gesellschaftliche Überlegungen angeregt, Bildungsperspektiven geschaffen und Innovation gefördert werden?
Immer mehr Universitäten im deutschsprachigen Raum setzen sich für Unterstützungsprogramme ein, die geflüchteten Menschen helfen sollen, sich auf ein Regelstudium vorzubereiten. Die Universität Hamburg beispielsweise hat ein klares Statement abgegeben und zusammen mit studentischen Arbeitsgruppen ein umfangreiches Programm für studienfähige Geflüchtete auf die Beine gestellt. Dieses beinhaltet Studienvorbereitungskurse, Sprachmodule, fachliche Aufbaukurse sowie die Teilnahme an regulären Veranstaltungen und eine Studienberatung – mit dem Ziel, die Teilnehmenden in ein reguläres Studium aufzunehmen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.


