Kategorie-Archiv: Senay Özden – Die Türkei als sicheres Land? Die Situation von Geflüchteten in der Türkei und die Konsequenzen der Flüchtlingsvereinbarungen zwischen der EU und der Türkei

Die Situation von syrischen Geflüchteten in der Türkei und die Folgen der europäisch türkischen Flüchtlingskooperation –̧Senay Özden

Ein Blogbeitrag von Serena Wälti

12957493_520916578087811_1487865903752786325_oDer zweite Gastvortrag der Reihe „Topographie von Flucht und Widerstand“ wurde von ̧Senay Özden, einer Expertin zu den Fluchtbewegungen aus Syrien in die Türkei, gehalten. Zahlreiche Fotografien von türkischen Grenzorten, Flüchtlingslager und Checkpoints veranschaulichten Özdens Ausführungen über die Situation von syrischen Flüchtlingen in der Türkei.

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Die Türkei ist nicht sicher für Flüchtlinge

Ein Blogbeitrag von Sophia Heep

Dieser Satz ist der Einprägsamste nach der heutigen öffentlichen Vorlesung, mit der bedeutenden, auf Anthropologie spezialisierten, Gastprofessorin Şenay Özden aus Istanbul. Nach einem schnellen, aber sehr detailreichen Überblick über ihr Leben und ihre spannende Arbeit, aktiv mit den Flüchtlingen, wurde eine Authentizität der Situation aufgebaut und mit ihren mitgebrachten realitätsgetreuen Fotoaufnahmen beibehalten.

Die Zeitspanne ihres aufschlussreichen Besuches hätte kaum besser gewählt sein können, begann ja erst gestern der EU-Türkei-Deal, in welchem sich die Türkei bereit erklärt hat, die irregulären Migranten, welche von der Türkei auf die griechischen Inseln gekommen waren zurückzunehmen, und für diese, darf ein syrischer Flüchtling legal von der Türkei nach Europa weiterreisen. Ein eins zu eins Deal also. Klingt direkt recht Sinnlos, beachte man die prekäre Situation in der Türkei, welche unmittelbar an der syrischen Grenze liegt, und die vielen, für wenige Rückführungen, ausgegebenen Gelder, findet aber offiziell seit gestern statt und legitimiert somit den Status der Türkei als sicherer Drittstaat.

Nach dem Schluss der „offenen Tür Politik“ im Mai 2015, wo Menschen zuvor, mit oder ohne Ausweis, einfach in die Türkei kommen durften und legalisiert wurden, sind bis heute ungefähr 4% der türkischen Population Flüchtlinge (also ca. 2.7 mio). Früher kann man von einem Ein- und Aus-Fahren der Syrer sprechen, welche sobald Lebensgefahr drohte mit ihren Bussen kamen und sogar Handeln konnten, und bei wiederkehrender Ruhe den Weg in ihre Heimat fanden. Nun wurde es aber für fast jeden klar, die momentane Lage in Syrien ist dermaßen schlecht, dass an einen Weg zurück noch nicht mal zu Denken wäre.

12976710_520916621421140_3129790277709572516_oDoch betrachtet man sich den von Frau Özden sehr gut erklärten Status der Flüchtlinge, als temporär Gäste, ohne Rechte auf staatliche Unterstützung geschweige denn Gesetzen, möchte man sich wohl kaum die reale Situation ausmalen. Ein Zuhause in einem Land aufzubauen, welches einem noch nicht einmal einen rechtlichen Status als Flüchtling anerkennen will. Die „Häuser“ waren leere Wände. Die Camps bieten zwar die Möglichkeit, speziell auch für Frauen, sich gewisse Fähigkeiten anzueignen, sowie Schulen für die Kinder, allerdings scheint da eine große Sprachbarriere zu herrschen, da die syrischen Kinder auf Arabisch unterrichtet werden. Ebenso wird eine komplette Isolation gegenüber der „legalen“ Bevölkerung aufgebaut, da die Kinder nicht die öffentlichen Schulen besuchen dürfen und 30.000 Lehrer extra in den türkischen Schulen Einzustellen ist ja nicht möglich (wo mir direkt die Frage in den Kopf geschossen ist, es werden doch über 3 Milliarden € an die Türkei für Flüchtlinge bezahlt, was passiert denn mit dem Geld) Aber ein Camp als ein Zuhause für 5 Jahre, zum Teil in Zelten zum Teil in Containern, Ich vermute niemand in diesem sehr gut gefüllten Hörsaal könnte sich das vorstellen. Und während gerademal 10% der syrischen Flüchtlinge in einigermaßen gut ausgestatteten Camps untergebracht werden konnten, verblieb ein Großteil in den leeren Häusern, wo es dreckig, unhygienisch und wirklich aussichtslos ist. Diese Tatsache ist für Millionen von Menschen die tägliche Realität. Frau Özden könnte sehr deutlich aufzeigen, was es bedeutete in einem fremden Land mit temporären Status Leben zu müssen. Es ist ein unvorstellbares Geschehen, weil man bei einer Zeitspanne von 5 Jahren doch nicht mehr von einem temporären Aufenthalt sprechen kann, überlegt man sich eine Studienzeitspanne von 3 bis ca. 5 Jahren und einem danach erlangten Abschluss. Es war ein sehr fesselnder Vortrag, welcher viele Diskursmöglichkeiten aufwirft und im Prinzip jeden einzelnen zum nachträglichen Nachdenken anregt, ob das was man leider nur aus den Medien erfahrt wirklich eine Realität wiedergibt, oder ob man nicht einmal tiefer in die Materie und hinter die Fassade blicken müsste, um sich sein eignes Bild der momentanen Situation zu machen. Dieser Vortrag war ein sehr gut organisiertes zweites Event, was genau dies möglich machte.

Ebenso bietet Frau Özden (Expertin zu Flucht aus Syrien und der Migrationspolitik) in ihrem Research Report aus dem Jahre 2013 genaue Daten und Fakte zu diesem Thema, welche meiner Meinung wirklich hochinformativ sind.

Wenn ihnen dieser Artikel gefallen hat und Sie sich gerne ein eigenes Bild dieser, unter Moderatorin Prof. Dr. Bilgin Ayata aus dem Seminar für Soziologie an der Universität Basel, wirklich gut geführten Events machen möchten, kommen Sie doch zu Besuch an dem nächsten Event am 19. April unter dem Titel „Syrien nach fünf Jahren Krieg und Exil, gehalten von Yassin Al-Haj Saleh aus Syrien.