Gender und Flucht – eine komplexe Situation

Ein Blogbeitrag von Eveline Mosimann und Vanessa Gustinetti 

In der vierten Veranstaltung im Rahmen der Ringvorlesung wurde der regionale Fokus aufgelockert; dabei wurde thematisch auf Gender, Flucht und Widerstand eingegangen. In der Wissenschaft galt Gender in Bezug auf Flucht lange als gegenstandslos. Doch sowohl Fluchtgründe wie auch Schutzbedürfnisse können genderabhängig sein. Es sollte der Frage nachgegangen werden: Wie prägen Geschlechterverhältnisse die Flüchtlinge?

Nach der Vorstellungsrunde durch die Moderatorin Frau Dr. Andrea Zimmermann, welche die Koordination am Zentrum für „Gender Studies“ an der Universität Basel leitet, gab Frau Dr. Jana Häberlein einen Input zum Thema „Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die sich auf der Flucht befinden“ aus theoretischer und rechtlicher Perspektive. Sie beschäftigt sich an der Universität Neuchâtel mit Flucht, Migration, Politik und Ausschaffungen und war auch am Zentrum für Gender Studies an der Universität Basel tätig.

Es wurde ersichtlich, dass Flüchtlinge nicht als homogene Gruppe betrachtet werden sollten. Es hat sich eine standardisierte Repräsentation von Flüchtlingen gebildet. Flüchtlinge werden als namenlose, gesichtslose Massen dargestellt. Geflüchtete Frauen und Kinder werden als sentimental dargestellt. Es besteht viel Kritik an der Flüchtlingskonvention. Es wird gefordert, dass das Geschlecht auch als offizieller Asylgrund gelten soll. Nun gibt es nationale und internationale Richtlinien in Bezug auf Gender und Flucht.

Die Schweiz ist eines von wenigen Ländern, in denen Krieg nicht als Asylgrund zählt. Der Asylstatus wird nur temporär erteilt. Frau Dr. Jana Häberlein fordert, dass man den Flüchtlingsbegriff breiter definieren und nicht nur den temporären Status erteilen sollte.

Frau Cyrielle Huguenot ist für Amnesty International tätig und hat sich auch mit Gewaltprävention auseinandergesetzt. In einem kurzen Film namens „Parcours des Migrantes“ von Amnesty International wurden Aussagen von Flüchtlingen illustriert. Es zeigte, wie anstrengend und demütigend die Flucht vor allem für Frauen ist. Die Flucht kann schwere psychische Störungen zur Folge haben, unter denen Betroffene noch Jahre leiden. Besonders für Frauen ist die Flucht mit extremen Gefahren verbunden.

Amnesty International hat zwei Berichte veröffentlicht, die zeigen, dass sich Frauen auf der Flucht nie sicher fühlen, sei es in ihrem Herkunftsland oder in Europa.

Zur Situation der Frau im Libanon: Es gibt mehr als 1 Million Flüchtlinge, die sich in diesem Land aufhalten. 20% der Frauen sind alleinerziehend und befinden sich illegal im Libanon. Ihr illegaler Aufenthalt löst bei ihnen Unsicherheit aus. Die Lebenskosten in Libanon sind sehr hoch, daher leben die Flüchtlinge in Armut. So suchen auch Frauen illegal Arbeit und werden ausgebeutet. Diese Situation ist das Resultat der Politik in Libanon und auch in anderen Ländern Europas. Länder, die reich sind und zu wenig humanitäre Hilfe leisten, tragen indirekt zu dieser Situation bei. Doch wie kann man die Frauen dort unterstützen? Frau Cyrielle Huguenot schlägt vor, dass wir mehr Sensibilisierungsarbeit leisten sollten. Flüchtlinge sollten sich gegenseitig auf ihrer Flucht unterstützen können.

Leyla Ferman aus der Türkei wurde per Skype live zugeschaltet. Sie ist Politologin, Beraterin der Stadtverwaltung und in Flüchtlingscamps vor Ort tätig. Die Situation der Jesiden vor Ort wird von Gewalt geprägt. Es gibt mehrere Gründe, weshalb der IS die Jesiden bekämpft. Der IS bezeichnet die Jesiden als ungläubig. Aus diesem Grunde wollen sie die Jesiden vernichten. Die Frau spielt eine wichtige Rolle und durch Vergewaltigungen kann deren Kultur beleidigt und beschädigt werden. Ein weiterer Grund für die Angriffe durch den IS ist das Erdöl vor Ort. Bis heute konnten 1’800 Frauen flüchten. Sie sind entweder zurück zu ihrer Familie gegangen oder freigekauft worden. In den Flüchtlingslagern gibt es viele Frauen mit Traumata. Es gibt Frauenzelte, wo nur Möglichkeiten zur Therapie mittels Antidepressiva bestehen. Die Frau im Flüchtlingslager ist rollenlos geworden. Die Rolle muss neu definiert werden. Vergewaltigte Frauen werden von ihrer Familie verstossen und erleben eine Isolation. Die Mitmenschen wissen nicht, wie sie mit dem Schicksal der Frauen umgehen sollen. So wird auch über Suizide und Zwangsverheiratungen dieser Frauen berichtet. Viele Frauen schliessen sich aber auch den jesidischen Widerstandsgruppen an. Der IS ist Ursache für die vielen Flüchtlinge. Solange der IS besteht, wird es auch weiterhin Flüchtlinge geben und die Zahl der Asylsuchenden nicht abnehmen.

Frau Harika Yilmaz ist Aktivistin in der autonomen Schule in Zürich. Sie setzt sich dafür ein, dass Flüchtlinge Platz bei uns haben. Sie war politisch in der Türkei tätig, und da ihr eine lange Gefängnisstrafe drohte, ist sie in die Schweiz geflüchtet. Sie berichtete von ihren eigenen Erfahrungen als Flüchtling. Sie erzählte davon, wie abschätzig sie behandelt wurde, weil sie einen Computer in ihrem Zimmer im Asylzentrum benutzen durfte. Diese Anekdote hat wiederum gezeigt, wie schwierig die Situation für Flüchtlinge auch hier bei uns in der Schweiz ist. Dennoch hat Frau Yilmaz nicht aufgegeben, sie setzt sich bis heute für ihre politischen Interessen ein.

Diese Veranstaltung löste einige interessante Denkanstösse bei uns aus. Unsere Erfahrung mit Flüchtlingen zeigt, dass diese den Anspruch haben, immer mehr in den Westen zu gehen. Oftmals kommen sie mit Ansprüchen und grossen Hoffnungen in unser Land. Sie möchten in einem Land aufgenommen werden, in dem sie glauben, dass dies gute Perspektiven für sie ermöglichen würde. Sie vergessen dabei aber, dass auch andere Länder ihnen in Not helfen könnten wie zum Beispiel Italien, Kroatien oder Ungarn. Auf jeden Fall muss man den Flüchtlingen helfen. Es zeigt jedoch immer wieder, wie komplex diese Situation ist. Auch auf politischer Ebene wird viel darüber diskutiert. So kann nachvollzogen werden, warum einige Länder wohl eine Maximalanzahl von Flüchtlingen aufnehmen. Es ist nötig, dass sich so viele Flüchtlinge auf mehrere Länder verteilt werden müssen, denn anders kann dies nicht mehr bewältigt werden. Die Veranstaltung hat uns nachdenklich gemacht und die Perspektiven verschiedenster Stellen und von Flüchtlingen selbst aufgezeigt.

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